Schlaflos im Oberland

  

Fast wäre Valley ein ganz gewöhnliches Dorf. Herrlich gelegen vor der Bilderbuchkulisse des bayerischen Oberlandes. Mit satten Wiesen, weißen Bergen am Horizont, mit Wirtshaus, Biergarten, Burschenverein, Trachtlern und Maibaum. Mit einem weißbärtigen Benediktinerpater als Seelsorger, in dessen barockem Pfarrgarten zwei fernöstliche rotgestrichene Tore den Lebensein- und Ausgang symbolisieren. Mit einer Theatergruppe, die zur Zeit über einem alljährlich im Herbst gespielten Stück brütet und Aufführungen auf die kleine Bühne des Gasthofs bringt, die ein kultureller Gewinn sind für die Region.

Vor einem guten Jahrzehnt stürzte mitten in diesem Dorf ein Tornado ab. Die Besatzung des Flugzeuges starb und es war ein unglaubliches Glück, dass dabei keine weiteren Menschen zu Schaden kamen. Der Tornado war über einen gigantischen amerikanischen Sender geflogen, der in Valley steht. Der Sender hatte die Elektronik des Flugzeuges so gestört, dass es wie ein Stein zu Boden stürzen mußte.

Damals fingen die Menschen in und außerhalb des Dorfes an, über den Sender zu reden. Eigentlich kannten die Anwohner die Auswirkungen des Senders ja schon lange. Sie lebten seit Jahrzehnten Tag für Tag mit dem "Spuk", den der amerikanische radiotransmitter produzierte. Aus Spülsteinen, aus Badewannen oder Waschmaschinen tönte das Senderprogramm, nachts schalteten sich wie mit Geisterhand plötzlich elektrische Geräte ein oder ab, Telephone klingelten, obwohl niemand anrief.

Heute denkt man längst auch über die gesundheitlichen Gefahren elektomagnetischer Felder nach, die von Sendern ausgehen. Eine breite Bürgerbewegung kämpft gegen den Standort der Anlage.

Nach fast fünf Jahren haben die Amerikaner den Betrieb der Mittelwelle in Valley eingestellt und signalisiert, dass sie die Kurzwelle auch in Zukunft aufrecht erhalten wollen. Das bedeutet, dass 2oo unmittelbar am Sender lebende Bürger nach wie vor unvermindert der Strahlung ausgesetzt sind. Die weiter entfernt Wohnenden sind entlastet, denn nur die Mittelwelle wirkt auf weite Distanz.

Schlaflos im Oberland - so könnte man eine riesige Großplastik nennen, die die Bürger von Valley deshalb in Angriff nehmen wollen. Zehn Meter lang, fast sechs Meter hoch soll die räumliche Skulptur werden, die auf einem freien Feld der Gemeinde unmittelbar vor dem Sender aufgebaut wird und dort so lange als Mahnmal stehen bleiben soll, bis der Sender endgültig abgeschaltet wird. Unterstützt wird das Kunst - Projekt übrigens von der Stiftung Bildung und Erziehung (Tochter der Robert Bosch Stiftung), die öffentlich wirksame Vorhaben dieser Art fördert, besonders wenn junge Menschen eingebunden sind.

Gemeinsam wollen die Bürger von Valley diese Körper - Skulptur eines "Schlaflosen" schaffen. Vom Handwerker bis zum ortsansässigen Künstler haben sich Menschen bereit erklärt, mitzuwirken. Besonders die Kinder sind eingebunden: sie werden aus Riesenmengen Altpapier die Aussenhaut des "Schlaflosen" aufbringen. Man rechnet mit mehreren hundert Arbeitsstunden, bis das Denkmal gegen die Schlaflosigkeit in fast der Größe eines kleinen Einfamilienhauses stehen wird. Dann wird die innen hohle Figur auf einem Langholztransportwagen montiert und unter freiem Himmel aufgestellt. Vor den Vorhangantennen des amerikanischen Senders - die groß wie ein Fußballfeld zwischen den Masten in der Luft hängen- wird die Riesenfigur dennoch hilflos wirken. Aber darin wird ihre Stärke liegen.

Ein Film kann das Entstehen der Großplastik, eingebunden ins dörfliche Leben, dokumentieren. Die Reportage, durchlässig für Vergangenes und offen für Entstehendes, hält das "dörfliche" Kunstevent fest : von den ersten Schweißarbeiten bis zum Aufstellen der Figur mit Feier und Fest. Und ist gleichzeitig die Geschichte des Widerstandes eines bayerischen Dorfes gegen einen übermächtigen Nachbarn.